22.02.2026

Mut zur Lücke als Führungskraft

Mut zur Lücke als Führungskraft – das klingt zunächst fast wie ein Tabubruch. Schließlich sind Führungskräfte doch diejenigen, die den Überblick behalten, Verantwortung tragen und im Zweifel auch dann noch funktionieren, wenn andere längst müde sind. Lücken? Die werden geschlossen. Probleme? Gelöst. Erwartungen? Erfüllt. So zumindest das klassische Bild. Und genau hier beginnt das eigentliche Problem. Wer Führung übernimmt und gleichzeitig Familie lebt, kennt das Gefühl, permanent alles im Griff haben zu müssen. Projekte, Kennzahlen, Teamdynamiken – und zu Hause Hausaufgaben, Arzttermine, emotionale Befindlichkeiten und die Frage, ob noch genug Milch im Kühlschrank ist. Das Ergebnis ist oft kein souveräner Überblick, sondern ein innerer Dauerlauf. Mut zur Lücke als Führungskraft bedeutet nicht, Verantwortung abzugeben oder Dinge schleifen zu lassen. Es bedeutet, bewusst zu entscheiden, wo Perfektion nicht notwendig ist. Und wo „gut genug“ tatsächlich gut genug sein darf. Gerade in der Vereinbarkeit von Beruf und Familie liegt hier ein enormer Hebel für Entlastung.
Von: Stefanie Monien
Weißes Blatt Papier mit der Aufschrift „HAVE NO FEAR“ auf rissigem, trockenem Boden.

Warum Perfektionismus Führungskräfte in die Erschöpfung treibt

Viele Führungskräfte sind leistungsorientiert, strukturiert und ambitioniert. Diese Eigenschaften haben sie häufig in ihre Position gebracht. Doch genau diese Stärken können in der Vereinbarkeit zur Belastung werden. Der Anspruch, sowohl im Beruf als auch in der Familie alles richtig zu machen, erzeugt Druck. Wer im Job strategisch denkt, Lösungen liefert und Orientierung gibt, möchte auch zu Hause präsent, geduldig und emotional verfügbar sein. Das Problem ist nicht die Verantwortung selbst, sondern der Anspruch, in beiden Rollen gleichzeitig perfekt zu funktionieren. Perfektionismus tarnt sich dabei oft als Professionalität. „Ich mache es lieber selbst, dann weiß ich, dass es richtig ist.“ „Ich kann jetzt nicht früher gehen, das wirkt unprofessionell.“ „Ich müsste das noch besser vorbereiten.“ Solche Gedanken sind vielen vertraut. Sie sorgen dafür, dass Lücken nicht entstehen dürfen – zumindest nicht sichtbar. Doch genau dieses permanente Schließen von Lücken kostet Energie. Es verhindert Delegation, hemmt Vertrauen und erschwert echte Priorisierung. Wer ständig alles kontrolliert, hat wenig Raum für das Wesentliche. Mut zur Lücke als Führungskraft bedeutet deshalb auch, Perfektionismus zu hinterfragen. Nicht jede Präsentation muss bis ins letzte Detail ausgefeilt sein. Nicht jedes Meeting braucht eine perfekte Agenda. Und nicht jedes Familienwochenende muss wie ein Pinterest-Projekt aussehen. Manchmal ist weniger einfach mehr. Und manchmal ist „ausreichend“ genau das Richtige.

Mut zur Lücke in der Vereinbarkeit von Beruf und Familie

In der Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird der Mut zur Lücke besonders relevant. Denn hier treffen zwei Welten aufeinander, die beide hohe Ansprüche stellen. Im Unternehmen wird erwartet, dass Führungskräfte Verantwortung übernehmen, erreichbar sind und Entscheidungen treffen. In der Familie wird emotionale Präsenz erwartet – nicht nur körperliche Anwesenheit. Das führt schnell zu dem Gefühl, in beiden Bereichen nur halb zu sein. Hier kann der Mut zur Lücke einen Perspektivwechsel ermöglichen. Es geht nicht darum, weniger engagiert zu sein. Es geht darum, bewusst Prioritäten zu setzen. Welche Aufgaben sind wirklich entscheidend? Welche Erwartungen sind selbstgemacht? Und wo darf ich mir erlauben, nicht alles zu erfüllen? Vielleicht bedeutet das, eine E-Mail erst am nächsten Morgen zu beantworten. Vielleicht bedeutet es, ein Projekt anders zu delegieren. Vielleicht bedeutet es auch, das schlechte Gewissen auszuhalten, wenn nicht alles gleichzeitig perfekt läuft. Mut zur Lücke als Führungskraft heißt, anzuerkennen, dass Energie endlich ist. Wer versucht, überall zu 120 Prozent präsent zu sein, wird langfristig weder im Job noch in der Familie die gewünschte Qualität halten können. Ironischerweise entsteht durch bewusste Lücken oft mehr Klarheit. Denn wenn nicht alles gleichzeitig wichtig sein kann, wird deutlich, was wirklich zählt.

Führung neu denken: Lücken als Zeichen von Stärke

In vielen Organisationen gilt noch immer das Ideal der allzeit verfügbaren Führungskraft. Doch moderne Führung entwickelt sich weiter. Authentizität, Transparenz und klare Kommunikation gewinnen an Bedeutung. Wer als Führungskraft offen kommuniziert, dass Vereinbarkeit Priorität hat, sendet ein starkes Signal. Nicht von Schwäche, sondern von Haltung. Es zeigt, dass Verantwortung nicht mit Selbstaufgabe verwechselt wird. Mut zur Lücke als Führungskraft bedeutet auch, Kontrolle loszulassen. Teams wachsen, wenn sie Verantwortung übernehmen dürfen. Wer jede Lücke selbst füllt, verhindert Entwicklung. Wer bewusst Raum lässt, fördert Selbstständigkeit. Das gilt im beruflichen Kontext ebenso wie im privaten. Kinder müssen nicht erleben, dass ihre Eltern perfekt organisiert sind. Sie profitieren vielmehr von echten Begegnungen, von Gesprächen und von Eltern, die nicht permanent unter Strom stehen. Lücken schaffen Raum. Raum für Vertrauen. Raum für Entwicklung. Raum für Gelassenheit.

Die innere Arbeit hinter dem Mut zur Lücke

So einfach es klingt – Mut zur Lücke als Führungskraft ist kein spontaner Entschluss. Es ist ein innerer Prozess. Viele Führungskräfte tragen tiefe Glaubenssätze in sich: „Ich darf keine Schwäche zeigen.“ „Ich muss alles im Griff haben.“ „Nur wenn ich es perfekt mache, werde ich ernst genommen.“ Diese Überzeugungen sind oft über Jahre gewachsen und eng mit dem eigenen Selbstbild verknüpft. Ein bewusster Umgang mit Lücken erfordert deshalb Selbstreflexion. Welche Erwartungen kommen tatsächlich von außen? Und welche setze ich mir selbst? Wo übernehme ich Verantwortung, die ich auch teilen könnte? Hier kann Coaching ein wertvoller Begleiter sein. In einem geschützten Rahmen lassen sich Muster erkennen, Prioritäten klären und neue Handlungsoptionen entwickeln. Mut zur Lücke wird so nicht zu einem riskanten Experiment, sondern zu einer bewussten Entscheidung. Es geht nicht darum, weniger ambitioniert zu sein. Es geht darum, ambitioniert und gleichzeitig menschlich zu bleiben. Und vielleicht gehört auch ein kleines Augenzwinkern dazu. Nicht jede verpasste Deadline ist eine Katastrophe. Nicht jede chaotische Morgenroutine ein Zeichen von Versagen. Manchmal ist sie einfach nur – Leben.

Fazit

Mut zur Lücke als Führungskraft ist kein Aufruf zur Nachlässigkeit. Es ist eine Einladung zur Klarheit. In einer Welt, die ständige Verfügbarkeit und Perfektion suggeriert, wird bewusste Begrenzung zu einer Stärke. Gerade in der Vereinbarkeit von Beruf und Familie eröffnet der Mut zur Lücke neue Möglichkeiten. Er entlastet, schafft Raum für echte Prioritäten und stärkt langfristig die eigene Führungsqualität. Führung bedeutet nicht, alles perfekt zu kontrollieren. Führung bedeutet, bewusst zu gestalten. Wer sich erlaubt, nicht jede Lücke sofort zu schließen, gewinnt an Souveränität. Und manchmal beginnt echte Stärke genau dort, wo man sagt: „Das reicht heute.“

Über die Autorin:

Stefanie Monien
Coachin & Teamentwicklerin
Ich kenne den Spagat zwischen Führung, Verantwortung und Familie – und wie leicht man dabei versucht, alles gleichzeitig auf die Reihe zu bekommen. Ich lebe es selbst jeden Tag. Aus dieser Erfahrung ist mein Coachingstil entstanden: klar, empathisch und mit einer ordentlichen Portion Humor. Denn echte Veränderung entsteht nicht durch Druck oder Perfektion, sondern durch Bewusstsein, Selbstwirksamkeit und kleine, konsequente Schritte.

FAQ – Mut zur Lücke als Führungskraft

Was bedeutet Mut zur Lücke als Führungskraft konkret?
Mut zur Lücke als Führungskraft bedeutet, bewusst nicht alles perfekt machen zu wollen. Es geht darum, Prioritäten klar zu setzen, Verantwortung zu teilen und sich von überhöhten Ansprüchen zu lösen. Statt permanent alles zu kontrollieren, entsteht Raum für Vertrauen und Entwicklung.
Ist Mut zur Lücke nicht unprofessionell?
Im Gegenteil. Wer bewusst entscheidet, wo Perfektion notwendig ist und wo nicht, handelt strategisch. Professionelle Führung bedeutet nicht, jede Kleinigkeit selbst zu erledigen, sondern den Überblick zu behalten und Ressourcen sinnvoll einzusetzen.
Wie hilft Mut zur Lücke bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie?
Mut zur Lücke reduziert inneren Druck. Führungskräfte mit Familie erleben häufig hohe Erwartungen in beiden Lebensbereichen. Wer sich erlaubt, nicht überall perfekt zu sein, gewinnt an Energie und Klarheit – und stärkt damit sowohl die berufliche als auch die private Rolle.
Wie kann ich lernen, Lücken auszuhalten?
Der erste Schritt ist Selbstreflexion. Welche inneren Antreiber wirken? Welche Erwartungen sind realistisch? Coaching kann helfen, diese Fragen strukturiert zu bearbeiten und neue Handlungsoptionen zu entwickeln. Mut zur Lücke entsteht durch bewusste Entscheidungen, nicht durch Zufall.
Warum ist Mut zur Lücke ein Zeichen moderner Führung?
Moderne Führung basiert auf Vertrauen, Klarheit und Selbstverantwortung. Wer Lücken zulässt, fördert Eigenständigkeit im Team und lebt eine nachhaltige Form von Führung vor. Das stärkt Kultur, Motivation und langfristige Leistungsfähigkeit.

Führung übernehmen – ohne Dich selbst aus dem Blick zu verlieren