In der Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird der Mut zur Lücke besonders relevant. Denn hier treffen zwei Welten aufeinander, die beide hohe Ansprüche stellen.
Im Unternehmen wird erwartet, dass Führungskräfte Verantwortung übernehmen, erreichbar sind und Entscheidungen treffen. In der Familie wird emotionale Präsenz erwartet – nicht nur körperliche Anwesenheit. Das führt schnell zu dem Gefühl, in beiden Bereichen nur halb zu sein.
Hier kann der Mut zur Lücke einen Perspektivwechsel ermöglichen.
Es geht nicht darum, weniger engagiert zu sein. Es geht darum, bewusst Prioritäten zu setzen. Welche Aufgaben sind wirklich entscheidend? Welche Erwartungen sind selbstgemacht? Und wo darf ich mir erlauben, nicht alles zu erfüllen?
Vielleicht bedeutet das, eine E-Mail erst am nächsten Morgen zu beantworten. Vielleicht bedeutet es, ein Projekt anders zu delegieren. Vielleicht bedeutet es auch, das schlechte Gewissen auszuhalten, wenn nicht alles gleichzeitig perfekt läuft.
Mut zur Lücke als Führungskraft heißt, anzuerkennen, dass Energie endlich ist. Wer versucht, überall zu 120 Prozent präsent zu sein, wird langfristig weder im Job noch in der Familie die gewünschte Qualität halten können.
Ironischerweise entsteht durch bewusste Lücken oft mehr Klarheit. Denn wenn nicht alles gleichzeitig wichtig sein kann, wird deutlich, was wirklich zählt.